Der süsseste Lohn: Das Trübeligeld durfte sie behalten
- Ruth Steiner
- vor 3 Stunden
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In den 1960er-Jahren bedeuteten Sommerferien nicht nur Sonne und Baden. Für viele Lenzburger Familien hiess es auch: Trübeli pflücken für Hero. Marianne Rennhard erinnert sich an rote Finger und strenge Aufseher. Die schönste Erinnerung aber ist der Lohn: Denn das verdiente Geld durfte sie als Kind behalten.
«Wenn Mutter sagte: Mir göhnd jetzt go trübele, denn het niemert gmulet. Denn simmer halt mitgange.» Also marschierte die Schülerin Marianne Rennhard mit Mutter, Grossmutter und Schwester los. Ferienprogramm à la Hero hiess Johannisbeeren pflücken. Und das sei damals völlig normal gewesen, sagt sie. «Fast alle Familien gingen in den Sommerferien trübele.»

Das Trübelifeld lag irgendwo Richtung Staufen. Wo genau, kann Marianne Rennhard heute nicht mehr sagen. Lebendig ist jedoch ihre Erinnerung an die Aufsichts- und Kontrollperson von Hero beim Feld. Ein wenig eingeschüchtert habe der Mann sie schon, so streng, wie er ausgeschaut habe.
Wer zum Pflücken kam, bekam vom «bösen» Mann ein Kesseli in die Hand gedrückt. Und dann ging es los. Doch wer dachte, man könne einfach drauflospflücken, hatte sich getäuscht. Sorgfältige Arbeit war gefragt: Die Trübeli durften nicht grob abgerissen werden, keine Blättchen, keine Stiele im Kesseli. Aus dem Kesseli durfte es nur rot leuchten von den Beeren. «Sosch hett der Ufseher s’Chesseli am Schluss ned abgnoh.» Dann hiess es: nochmals auslesen. Da gab es keinen Kinderbonus.
Marianne Rennhard weiss auch noch: Wer sich an einem Strauch zu schaffen machte, musste alle Beeren pflücken, bevor es zum nächsten ging. «Du hesch ned eifach die schönschte Beeri chönne näh und wyter goh.» Ob man sich im versteckten eine Beere in den Mund schieben durfte? Wenn dem so war, so habe niemand geschimpft deswegen. Im Gegenteil: «D’Eltere sind ja froh gsi, wenn mir gsunds Züüg gässe händ.» Auch wenn die Trübeli halt etwas säuerlich geschmeckt haben.
Reich wurde man beim Trübelipflücken nicht. Ein volles Kesseli habe wohl etwa zwei Kilogramm gewogen. Wenn nichts beanstandet wurde, gab es vielleicht einen Franken fünfzig oder zwei Franken; so genau weiss Marianne Rennhard das nicht mehr. Doch für sie als zehnjähriges Mädchen sei das viel Geld gewesen. Und das Schönste an der ganzen Sache: «Mir Chind händ s’Gäld dörfe bhalte.» Dafür nahm sie rote Finger, Hitze und stundenlanges Beeren-Gezupfe gern in Kauf.
Wie die Familien jeweils erfuhren, dass die Trübeli reif waren, weiss Marianne Rennhard heute nicht mehr. Vielleicht stand es in der Zeitung, vielleicht sprach es sich einfach herum. In ihrer Erinnerung war es unkomplizierter: «Es het eifach gheisse: Jetzt isch Trübeli-Ziit.» Dann machte man sich auf den Weg, füllte Kesseli um Kesseli, leerte die Beeren in grosse Tonnen. Und irgendwann wurden die roten Früchte Richtung Hero weitertransportiert, wo sie zu Johannisbeergelee eingekocht wurden.


